Psychopharmakotherapie

Handwerk der Psychotherapie, Band 5

2015, 150 Seiten, hrsg. von Ulrich Streeck

ISBN 978-3-86333-005-7
Preis: 19.80 (enth. MwSt.: 1.30 €)


Nach einer kurzgefassten Einführung in die Grundlagen der Psychopharmakologie (insbesondere die synaptische Übertragung und ihre Beeinflussung) werden die wichtigsten Medikamentengruppen einschließlich zugehöriger Substanzen (mit Handelsnamen) beschrieben sowie die psychopharmakologische Behandlung der häufigsten psychischen Störungen dargestellt, nicht zuletzt unter dem Aspekt möglicher Nebenwirkungen.

Die Monographie wurde betont allgemeinverständlich gehalten und ist deshalb auch ohne medizinische Vorkenntnisse mit Gewinn zu lesen. Bewusst wurde auf ein allzu intensives Eingehen auf Details verzichtet, um eine preiswerte, schnelle, handliche und praxisbezogene Übersicht zu ermöglichen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Köhler

Arzt, Diplom-Psychologe und Diplom-Mathematiker, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Einige Jahre Tätigkeit als Arzt und Mitarbeiter an den Psychologischen Instituten der Universitäten Düsseldorf und Würzburg. Seit 1984 an der Fakultät für Psychologie der Universität Hamburg. Dort nach Habilitation (1990) und Ernennung zum Professor (1997) in der Lehre tätig sowie an verschiedenen Ausbildungsinstituten für Psychotherapie. Seit 2012 vertritt er darüber hinaus die Professur für Klinische Psychologie an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Lehr- und Arbeitsschwerpunkte: Biopsychologie, insbesondere Pharmakologie der Rauschdrogen, biologische Grundlagen psychischer Störungen, Psychopharmakologie sowie die Psychoanalyse Sigmund Freuds.

Einige Beispiele aus der Praxis


Diese sind so häufig und typisch, dass es unnötig ist, hier spezielle Fälle zu schildern. Allen psychotherapeutisch Tätigen dürften solche Störungsbilder bekannt sein:

Etwa der junge Mann (oft noch vor dem 20. Lebensjahr), der zunehmend in seinen schulischen, universitären oder beruflichen Leistungen nachlässt, allmählich seine Kontakte abbricht, zunehmendes Misstrauen zeigt, immer verschrobener wird (beispielsweise in puncto Kleidung), in eigenartiger Weise alles auf sich bezieht und von Stimmen berichtet, die ihm alle möglichen Befehle geben. Meist hat er schon Medikamente erhalten, nämlich Neuroleptika (Antipsychotika), welche er aber bald von selbst abgesetzt hat mit der Folge deutlicher Verschlimmerung.

Oder eine 45-jährige Frau, die – obwohl unter objektiv weitgehend sorgenfreien Umständen lebend – immer wieder für mehrere Monate schwer depressive Symptomatik zeigt, welche erst in der Klinik unter Medikamenten allmählich sich bessert, dann für einige Zeit sogar ganz verschwindet, allerdings immer wiederkommt, ein Verlauf, der sich oft über Jahrzehnte erstreckt und wo die Angehörigen die nicht unberechtigte Sorge haben, sie könne sich einmal „etwas antun“.

Weiter der circa 35 Jahre alte Mann, der Symptome einer schweren depressiven Episode aufweist, nach einiger Zeit scheinbar geheilt aus der Klinik in seine gewohnte Umgebung zurückkehrt, sich mehr oder weniger lange unauffällig verhält, plötzlich aber zusehends Wesensveränderungen zeigt, etwa überdreht wirkt, im zwischenmenschlichen Bereich immer unerträglicher wird, große Anschaffungen tätigt, schließlich in die Klinik zurück muss (im schlimmsten Fall sogar zwangseingewiesen wird) und nun wegen einer „Manie“ dort in Behandlung steht. Stellen wir uns schließlich einen Mann vor, gerade 50 Jahre alt geworden, der seit Jahrzehnten regelmäßig Alkohol trinkt, dabei seine tägliche Konsummenge kontinuierlich gesteigert hat; konsumiert er für einige Stunden nicht, überkommt ihn eine eigenartige Nervosität und Zittrigkeit, die er schnell mit Alkoholzufuhr behebt. Trinkt er, so kennt er oft kein Maß, und mehrmals ist er bei Verkehrskontrollen durch erhöhten Alkoholspiegel am Steuer aufgefallen. Er hat deshalb bereits den Führerschein verloren, weshalb er als Busfahrer gekündigt wurde und mittlerweile eine schlechter bezahlte Stelle als ungelernte Kraft annehmen musste. Seine „Leberwerte“ sind deutlich erhöht, und sein Arzt hat ihm mehrfach nachdrücklich dies und die zu erwartenden weiteren Veränderungen erklärt.

Noch ein Beispiel: Eine 78-jährige Frau, noch vor wenigen Jahren als geistig ausgesprochen leistungsfähig bekannt, zeigt zunehmende Vergesslichkeit. Nicht nur, dass sie Neues schwer behalten kann (z. B. die Namen ihrer mit schöner Regelmäßigkeit geborenen Urenkel), auch Altbekanntes geht allmählich verloren: In letzter Zeit fällt ihr oft nicht mehr der Vorname ihrer Tochter ein. Zudem trifft sie mehr und mehr Fehlentscheidungen, beispielsweise bei der Menge der vernünftigerweise zu kaufenden Wurstwaren.

Ein allerletztes Beispiel: Ein siebenjähriges Kind, typischerweise männlich, fällt seit Längerem in der Schule durch störendes Verhalten auf: Es passt im Unterricht nicht auf, spricht ungefragt, steht häufig unerlaubt auf, hält Mitschüler von der Arbeit ab; zu den Lehrern ist es auffällig distanzlos. Dieses Verhalten zeigt sich schon mehrere Jahre, hat sich aber jetzt erheblich verschlechtert, sodass seine schulischen Leistungen weit unter dem liegen, was Eltern und Lehrer erwarten.

Alle diese Personen haben gemeinsam, dass sie an schweren, in aller Regel nicht nur auf kurze Zeit beschränkten psychischen Störungen leiden – der erste Patient an Schizophrenie (nach den vorhandenen Angaben wohl der paranoiden Unterform); die zweite Person an einer rezidivierenden depressiven Störung; die dritte weist eine bipolare Störung  auf  (ist  „manisch-depressiv“);  der  50-jährige  Mann  des vierten Beispiels erfüllt eindeutig die Kriterien des Alkoholabhängigkeitssyndroms; die alte Dame leidet mutmaßlich an einer Demenz vom Alzheimer-Typus und der siebenjährige Knabe an ADHS. Gemeinsam ist ihnen weiter, dass die genannten Störungen in aller Regel nicht psychotherapeutisch allein wirksam behandelt werden können, sondern dass die Gabe von Psychopharmaka mehr oder weniger unerlässlich ist (bei der erstgenannten Person Antipsychotika, bei der zweiten Patientin Antidepressiva, beim „bipolar Gestörten“ Stimmungsstabilisierer, beim „Alkoholabhängigen“ zunächst Entgiftungs-, dann „Anti-Craving“-Mittel, bei der Alzheimer-Patientin Antidementiva, beim „ADHS-Kind“ Psychostimulanzien wie Methylphenidat – und dies für viele Monate, oft Jahre bis Jahrzehnte.

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